100 Jahre Meisel
1926–2026
Wilhelm „Will“ Meisel: Das Multitalent
(1926 – 1946)
Die Gründung der „Edition Meisel & Co. GmbH“ durch Will Meisel wird mit der Urkundenrolle Nr. 152/26 am 15. Mai 1926 notariell beglaubigt. Die Erfolgsgeschichte des Musikverlags beginnt in den „Goldenen Zwanzigern“. Berlin ist die drittgrößte Stadt der Welt und gilt als „Vergnügungsmetropole Europas“. Die Musikindustrie nimmt 1925 unter 44 Industriezweigen den vierten Rang ein. Hausmusik und Tanzkapelle, Grammofon und Schallplatte, Hörfunk und Tonfilm: alle verlangen Schlager.
August Wilhelm Meisel kommt am 17. September 1897 in Rixdorf/Berlin, dem späteren Neukölln, zur Welt. Bereits mit 5 Jahren besucht er die Elementarschule des Königlichen Balletts und hat als Hauptfächer Musik und Tanz. Geprägt vom Elternhaus, das eine Tanzschule führt, zeigt er früh nicht nur eine tänzerische Begabung, sondern entwickelt zugleich kaufmännisches Engagement. Mit 15 Jahren gründet Will, wie er sich jetzt selbst nennt, den eigenen „Tanzclub Neukölln 1912“.
Der Erste Weltkrieg unterbricht die Aktivitäten und Will Meisel dient als Feldartillerist. Dekoriert, zum Unteroffizier befördert und bei Ypern verwundet, kommt er in ein Genesungsheim nach Gent. Zusammen mit der belgischen Tänzerin „Mottl“ tritt Meisel in Frontvarietés auf. Eine Tanznummer, die nach Kriegsende in Berlin und anderen deutschen Städten über Jahre ein Publikumsmagnet ist. Zugleich wird er im November 1918 als „charakterisierter Tänzer“ beim Ballettkorps der Königlichen Schauspiele angestellt.
Den ersten großen, geschäftlichen Coup landet Meisel 1924: Er erwirbt ein Kabarett und benennt es „Jäger-Kasino“. Hier trifft er auf Ilona von Fövenyessy von Hewy. Die Ungarin wird seine Frau und zugleich Muse. Für sie komponiert Will seinen ersten Erfolgsschlager, den Tango „Ilona“. In der Folge offenbart sich immer mehr sein Multitalent: Die außergewöhnliche Fähigkeit, künstlerische und kaufmännische Begabung zu verbinden. An der Verwertung eines Liedes sind Komponisten, Textdichter und Verleger beteiligt. Der Komponist Meisel beschließt deshalb, sein eigener Verleger zu werden und gründet die Edition Meisel.
Aus den bescheidenen Anfängen im Hinterzimmer des Kasinos expandiert die Edition schnell, da Meisel im wahrsten Sinne des Wortes „etwas unternimmt“. Bei der Vermarktung und der Werbung wendet er vielfältige, teilweise verblüffende Mittel an. So spielt Meisel seine Werke den Kapellmeistern persönlich vor und übergibt den Kapellen kostenlose Notenblätter. Zum Mitsingen der bekannten Melodien werden Miniaturdrucke, die „Meisels Volksausgabe“, verteilt. Die Refrainsänger erhalten eines von 1000 Megafonen in Gestalt einer trichterförmigen Röhre, die gleich als Werbefläche für „Meisel-Schlager“ dient. Seine persönlichen Fähigkeiten als Komponist und als Dirigent bildet er stetig weiter aus. Die Teilnahme an allen wichtigen gesellschaftlichen Ereignissen zur intensiven Kontaktpflege ist selbstverständlich. Will Meisel verfügt zudem über das Gespür, was beim Publikum ankommt. 1928 folgt sein nächster Welterfolg: „Fräulein, Pardon!“
Im Zuge der Weltwirtschaftskrise wird auch die Unterhaltungsindustrie in Mitleidenschaft gezogen. Gleichwohl hat sich der Schlager als ein Grundbedürfnis der Bevölkerung verankert. Das Geschäft des Verlags boomt, das Repertoire wächst zunehmend. Immer mehr Künstler lassen hier Werke verlegen, eigene Hausautoren kommen hinzu, die Zahl der Mitarbeiter steigt. Das Kasino wird zu klein und deshalb verkauft. Das expandierende Unternehmen bezieht zuletzt zwei Etagen in der Passauer Straße 5. Meisel gründet 1929 einen weiteren Verlag, die Harrison GmbH, für die internationale Vermarktung. Zugleich übernimmt er 1931 den Wiener Phönix Verlag und den Monopol-Liederverlag Ernst Wengraf GmbH.
1928 kommt es zu einer Erfindung, die sich nachhaltig auf die Unterhaltungsmusik auswirkt: dem Tonfilm. 1930 werden in Deutschland bereits 101 Tonfilme produziert, bei denen zumeist Lieder im Vordergrund stehen. Meisel zählt schnell zu den führenden Tonfilmkomponisten und erstellt seine drei ersten Werke bereits 1930, bis 1932 folgen zehn weitere.
Die Zeit des Nationalsozialismus hat gravierende Auswirkungen auf Will Meisel und den Verlag. Die neuen antisemitischen Machthaber wollen eine „völkische Kultur“. Jüdische Mitarbeiter, Komponisten, Textdichter und Geschäftspartner werden verfolgt, nicht allen gelingt die Flucht. So zählt der als Autor tätige Willy Rosen zu den Opfern der Shoa und wird in Auschwitz ermordet. Der Verlagskatalog schrumpft auf „arische Titel“.
Unterhaltung bleibt aber auch unter Propagandaminister Joseph Goebbels wichtig. Meisel tritt am 1. Mai 1933 der NSDAP bei und komponiert sogar einen Marsch. Der enorme Bedarf an Unterhaltungsmusik bedingt eine schnelle, umfangreiche Produktion von neuen Musikstücken. Die Arbeit für den Tonfilm entwickelt sich zu dem wohl wichtigsten Geschäftsfeld für Meisel. Er wirkt bis 1943 allein an 37 Filmmusiken mit. Das Musiktheater bildet ein weiteres Tätigkeitsfeld, für das er sogar einen eigenen Bühnenverlag gründet. Operetten bleiben ein Schwerpunkt. Mit „Die Frau im Spiegel“ entsteht 1935 ein anhaltender Erfolg, während die erfolgversprechende „Königin einer Nacht“ von 1943 dem Krieg zum Opfer fällt. Meisel gelingt es zusätzlich, das Verlagsrepertoire durch Werke zahlreicher neuer Autoren, darunter Bruno Balz, Franz Grothe, Peter Kreuder, Fred Raymond und Ralph-Maria Siegel, wieder zu erweitern.
Privat verliebt sich Will Meisel erneut und heiratet 1935 die Kammersängerin Eliza Illiard. Das Paar bekommt die Söhne Peter und Thomas, die später eine zentrale Rolle im Unternehmen spielen. Ilona von Fövenyessy war wegen der Entwicklungen im Deutschen Reich 1931 nicht von ihrem Urlaub in Ungarn zurückgekehrt und man hatte sich im gegenseitigen Einverständnis getrennt.
Im Zweiten Weltkrieg zerstören Bomben in Berlin auch den Laden und die Verlagsräume in der Passauer Straße 5 und machen die Wohnräume in der Wittelsbacherstraße 18 unbewohnbar. Viele seiner Werke entstehen in dieser Zeit in einem kleinen Sommerhaus in Glienicke. Meisel verlässt mit seiner Familie im Herbst 1944 Berlin und sucht in Bad Gastein in Österreich Zuflucht.
Will Meisel: Wiederaufbau / Peter & Thomas Meisel: Neuausrichtung
(1946 – 1967)
Am Ende des Zweiten Weltkriegs liegt Berlin in Trümmern, der deutsche Musikmarkt ist zusammengebrochen. Will Meisel kehrt im Spätsommer 1946 zurück und wird von der britischen Besatzungsmacht im Zuge des Entnazifizierungsverfahrens als Mitläufer eingestuft. Er beginnt damit, seinen Verlag von neuem zu beleben. Dazu gehört der Aufbau der Räumlichkeiten in der Wittelsbacherstraße 18 ebenso wie die Beschaffung von Noten, Verträgen und Verlagsmaterialien. Zum Programm zählen nun auch wieder die Werke der früheren jüdischen Komponisten und Textdichter. Der Geschäftsmann Will Meisel ist mittlerweile stärker gefragt als der Komponist. Das hält ihn aber nicht davon ab, gemeinsam mit Bruno Balz 1949 den Titel: „Berlin bleibt doch Berlin – da kannste nischt dran ändern“ zu schaffen. Das Lied entwickelt sich zu einer Hymne für den Überlebenswillen der Stadt, die sogar beim Besuch des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy 1963 gespielt wird.
Will Meisel macht die Wiederbelebung von Evergreens, seien es einzelne Lieder oder ganze Operetten, zum zentralen Geschäftsprinzip. So wird der Erfolgstitel „Fräulein, Pardon!“ von 1928 gemäß dem Stil der Nachkriegszeit im lateinamerikanischen Rhythmus neu aufgelegt und, gesungen von Paul Kuhn und Lill Babs, abermals zum Verkaufsschlager. Weniger überzeugen kann 1951 die Verfilmung der Operette „Königin einer Nacht“ mit Ilse Werner und Hans Holt durch seine Produktionsfirma Echo-Film. Sie bleibt Meisels einziges Werk als Filmproduzent. Dagegen läuft die Vermarktung von eigenen Titeln sowie zunehmend der in Lizenz betreuten in- und ausländischen Kataloge erfolgreich. In den 1950/60er Jahren werden die Bestände in immer neuen Notenalben und Potpourris kombiniert und verlegt.
Wie in den 1920/30er Jahren betreibt Will Meisel weiterhin intensiv PR und nutzt sein Gespür für öffentlichkeitswirksame Aktionen. So produziert er mit dem Schwager der belgischen Königin Fabiola zu ihrer Hochzeit 1960 einen Walzer und dirigiert 1961 in der Berliner Waldbühne mit 25.000 Plätzen ein großes Konzert. Dem Club der Trümmerfrauen widmen er und Bruno Balz bei der Gründung 1965 ein eigenes Lied, mit dem Puppet kreiert Meisel Mitte der 1960er Jahre sogar einen Modetanz.
Will Meisel erhält in seinen letzten Jahren zahlreiche Ehrungen, so 1962 das Verdienstkreuz am Bande. Für ihn besonders bedeutsam ist die Auszeichnung mit dem Paul-Lincke-Ring 1964, die er krankheitsbedingt nicht mehr selbst entgegennehmen kann. Will Meisel stirbt am 29. April 1967 in Müllheim (Baden) und wird auf dem Friedhof in Wilmersdorf beigesetzt. Das ZDF ehrt den Verstorbenen 1968 mit einer Verfilmung von „Königin einer Nacht“, die ARD produziert 1969 die große Gala „Tausend rote Rosen blühen“. Der Will-Meisel-Weg in Neukölln erinnert noch heute ebenso an sein Wirken wie die Gedenktafeln an verschiedenen Gebäuden.
Der deutsche Musikmarkt erholt sich in den 1950er/60er Jahren schnell wieder vom Zusammenbruch am Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Bedarf an Schlagern ist hoch, die „Industry of Human Happiness“ hat wieder Hochkonjunktur. Zugleich durchläuft sie gravierende Veränderungen in Publikumsvorlieben und Technik. Mit dem Aufkommen der Schlagerfilme Anfang der 1930er Jahre nimmt der Starkult seinen Anfang. Auf den Plattenetiketten stehen anstatt der Namen von Komponisten und Textdichtern nunmehr die der Sängerinnen und Sänger. Auf einer Hülle ist für die Fans neben dem Namen zumeist eine Aufnahme des Interpreten abgebildet. Die Bedeutung dieser personalisierten Vermarktung für den Erfolg eines Schlagers ist kaum zu überschätzen. Die Schallplatte, inzwischen aus Vinyl statt Schellack und sowohl als Single als auch als Langspielplatte und in Stereo angeboten, wird zum dominanten Trägermedium. Von sechs Millionen Schallplatten 1949 springt der Verkauf auf 59 Millionen Langspielplatten und 46 Millionen Singles 1970.
Der unternehmerische Erfolg der Meisel-Verlage basiert auf dem Notendruck. Der Geschäftsmann erkennt gleichwohl die Veränderungen und berücksichtigt dies. 1960 gründet Meisel eines der ersten Verlags-Labels und schafft mit MONOPOL die Grundlage für eine Schallplattenproduktion. Die Neuausrichtung des Unternehmens bleibt seinen Söhnen vorbehalten.
Peter, geboren am 22. Juni 1935 in Berlin, und Thomas Meisel, geboren am 18. Januar 1940 ebendort, zeigen beide früh Interesse und Veranlagung für die Arbeit im Sektor Unterhaltungsmusik. Ihre Ausbildung beginnt bei den Hans Sikorski Musikverlagen in Hamburg. Prägend für die weitere Entwicklung wird das Jahr, das Peter 1956 und Thomas 1960 beim Verlagshaus Hill & Range Songs Inc. in New York verbringen. Miteigentümer ist Jean Aberbach, der bei Will Meisel erste verlegerische Erfahrung gesammelt hatte, bevor er vor dem nationalsozialistischen Regime fliehen muss. Bereits während der Zeit in den USA vermittelt Peter seinem Vater die Rechteverwertung für Deutschland von „Souvenirs, Souvenirs“ und den Hit „Diana“ von Paul Anka.
Beide Söhne sind wie ihr Vater am Beginn seiner Karriere willens, einen eigenen Weg zu gehen. Will unterstützt dies und erwirbt 1959 die „Edition Intro“ für 500,- DM Überlassungsgeld. Aus dieser entsteht im August 1960 die „Edition Intro Gebrüder Meisel OHG“ mit Sitz in der Wittelsbacherstraße 18. Zu den ersten Mitarbeiterinnen gehört seit 1961 Irmtraut „Trudy“ Meisel, die Frau von Peter. Im selben Jahr beginnt zudem eine langjährige Kooperation mit dem Komponisten und Musikproduzenten Christian Bruhn.
Die Edition Intro erweist sich schnell als erfolgreiches Unternehmen. Vom ersten Titel „Hello, Mary-Lou“, gesungen von René Kollo, werden auf Anhieb über 125.000 Platten verkauft. Bei den Deutschen Schlager-Festspielen belegt man 1962 mit „Zwei kleine Italiener“ mit Conny Froboess, und 1964 mit „Liebeskummer lohnt sich nicht“ mit Siw Malmkvist jeweils den ersten Platz. Zugleich reagiert die Edition Intro auf die Veränderungen im Musikgeschäft und gründet 1962 mit der Hansa Musik Produktion und 1964 mit dem Schallplattenlabel Hansa Records zwei zukunftsorientierte Sparten.
Peter & Thomas Meisel: Independent Producers
(1967 – 1991), Teil I
Peter und Thomas Meisel führen seit dem Tod ihrer Mutter Eliza Illiard-Meisel das Unternehmen seit 1969 als Alleininhaber.
Die geschäftlichen Aktivitäten der Will Meisel Verlage mit der „Edition Meisel & Co. GmbH“ und den angeschlossenen Firmen nimmt stellvertretend der bisherige Verlagsdirektor Rudolf Schröder wahr. Schröder hat seine Ausbildung bei Will Meisel 1950 begonnen und ist bis Anfang der 1990er Jahre tätig. Der unternehmerische Schwerpunkt besteht weiterhin neben dem Marketing in der Herstellung und dem Vertrieb von Noten sowie der Betreuung von Kapellen. Dabei werden sowohl die eigenen Evergreens vermarktet als auch neu eingeworbene Titel und Kataloge. Zu den Maßnahmen gehört es, die vorhandenen Operetten und Lustspiele zu beleben und zugleich neue Autoren und Werke zu gewinnen. Das Programm umfasst die Verfilmung der „Königin einer Nacht“ (1943) durch das ZDF 1969 ebenso wie die Uraufführung von „Fanny Hill“ 1972 mit der Musik von Paul Kuhn. Dank der Kooperation mit Klaus Eidam, Abteilungsleiter beim Musikverlag VEB „Lied der Zeit“, gelingt es sogar, die Operette „Die Frau im Spiegel“ (1935) in der DDR aufzuführen. Konsequenterweise gehört zur Unternehmensgruppe außer dem 1960 gegründeten Platten-Label Monopol seit 1976 der Bühnenverlag „Die Rampe“.
Die „Edition Intro Gebrüder Meisel OHG“ steht vor den neuen Herausforderungen der „Industry of Human Happiness“. Unabhängig vom Inhalt durchlaufen Produktion und Vermarktung des Wirtschaftsgutes Schlager im Rahmen der allgemeinen technischen und gesellschaftlichen Entwicklung eine Reihe von Veränderungen. So lösen Singles und Langspielplatten das Notenheft als wichtigstes Trägermaterial ab. Anfang der 1970er Jahre kommen analoge Musikkassetten in die Geschäfte, ab den 1980er Jahren beherrschen zunehmend digitale Compact Disks den Markt. Der Schlager muss als kommerzielles Produkt immer mehr mit anderen Musikrichtungen um die Hörergunst konkurrieren. Im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung der Nachkriegszeit wird das Konsumentenverhalten zudem immer schnelllebiger. Während sich in den 1920er Jahren Titel über längere Zeit bleibender Beliebtheit erfreuen, gehören inzwischen vordere Plätze in Hitparaden über mehrere Monate zu den Ausnahmen. Der Starkult verspricht eine gewisse Kontinuität, welche das kurzlebige Produkt Schlager für Produzent und Plattenindustrie kalkulierbarer macht.
Peter und Thomas Meisel haben durch ihre Zeit beim amerikanischen Verlagshaus Hill & Range Songs Inc. Erfahrungen gesammelt, die sie mit den bewährten Prozessen verbinden, um den Erfolg des Familienunternehmens auszubauen. Die Herstellung und Vermarktung des Konsumprodukts Schlager wird weiter perfektioniert und hängt zunehmend vom Produzenten ab. Erklärtes Ziel der Gebrüder Meisel ist der von den großen Plattenfirmen unabhängige „Independent Producer“. Dieser bildet die Anlaufstation für Textdichter, Komponist und Interpret, für die Produktion im Studio, die Kooperation mit der Plattenfirma und die Vermarktung über Hörfunk, Fernsehen und Printmedien.
Die Edition Intro erweist sich nach der Gründung 1960 schnell als erfolgreiches Unternehmen. Bereits 1961 beginnt die Kooperation mit dem Komponisten und Musikproduzenten Christian Bruhn. Dessen gemeinsam mit dem Textdichter Georg Buschor entstandene Titel „Zwei kleine Italiener“ und „Liebeskummer lohnt sich nicht“ erlangen Anfang der 1960er Jahre Hit-Status. Die Gebrüder Meisel produzieren auf eigenes Risiko und bieten die fertigen Aufnahmen der Schallplattenindustrie an. Ein Novum im Musikgeschäft, da die großen Firmen gewöhnlich mit hauseigenen Produzenten arbeiten. Um als Independent Producer nachhaltig erfolgreich sein zu können, bauen die Gebrüder ihr Unternehmen aus.
Peter und Thomas Meisel gründen am 22. August 1962 die „Hansa Musik Produktion GmbH“. Im November 1964 kommt das hauseigene Plattenlabel „Hansa Records“ hinzu. Als Geschäftsführer kann der Marketingleiter der Unterhaltungsmusik bei Teldec, Hans-Eberhard Blume, gewonnen werden. Die Lizenz für den Vertrieb der Schallplatten wird 1976 der Bertelsmann-Tochter Ariola übertragen. Künstler können nun nicht nur wie bisher bei Fremdlabeln, sondern auch bei den hauseigenen Hansa Records produziert werden. Neben einem kleinen Tonstudio in der Wittelsbacherstraße 18 entsteht 1972 ein neues Studio in der Nestorstraße. Zunehmend wird seit 1965 das Sonopress-Tonstudio der Ariola-Eurodisc, der „Meistersaal“, genutzt. Am 16. August 1971 folgt die „Hansa Tonstudio Gebr. Meisel OHG“ und 1973 eröffnet das Hansa Studio 1. Damit ist man nun auch aufnahmetechnisch bei der Musikproduktion unabhängig. 1975 übernehmen die Gebrüder Meisel das Sonopress-Tonstudio in der Köthener Straße 38 und erwerben 1976 das gesamte Gebäude, um es zu einem Musikproduktionshaus auszubauen. Der Meistersaal erlangt durch David Bowie, der dort unter anderem seinen Hit „Hero“ aufnimmt, als „the big hall by the wall“ weltweite Berühmtheit. Zahlreiche nationale und internationale Künstler und Künstlerinnen wie Udo Jürgens, Falco, U2 oder Depeche Mode nutzen seitdem die moderne Aufnahmetechnik.
Der zentrale Baustein der Tätigkeit der Gebrüder Meisel ist – ebenso wie bereits bei Will Meisel – die unablässige Suche nach neuen Talenten. Ein probater Weg ist das Abhören von unzähligen Demobändern, ein anderer die Teilnahme an Wettbewerben. Peter Meisel wird 1963 bei einer derartigen Veranstaltung auf Drafi Deutscher and his Magics aufmerksam. Im Oktober 1965 besucht der Sänger die Edition Intro und stellt den Anfang eines Liedes vor: „dam-dam, dam-dam“. Christian Bruhn, Drafi Deutscher und Günter Loose (Text) schaffen daraus „Marmor, Stein und Eisen bricht …“. Das Lied wird der kommerziell erfolgreichste Schlager des Verlages.
Mit seinem ausgeprägten Gespür gelingt es Peter Meisel auch an ungewöhnlichen Orten Talente zu entdecken. So Anfang der 1960er Jahre die Löterin einer Elektrofabrik im „Ufer-Eck“, einem Lokal in Berlin-Wedding. Die Amateursängerin Manuela steigt zum Star und Teenager-Idol der 1960er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland auf. Meisel produziert zunächst die Sängerin und ihre Mädchenband „Tahiti-Tamourés“, die mit „Wini-Wini“ über 350.000 Singles verkaufen. Es folgt 1963 die Solo-Karriere von Manuela mit dem Cover-Song „Schuld war nur der Bossa Nova“.
Peter & Thomas Meisel: Independent Producers
(1967 – 1991), Teil II
Die Meisel Firmengruppe um die Will Meisel Verlage, die Edition Intro, die Hansa Musik Produktion und das Hansa Tonstudio umfasst Mitte der 1970er Jahre eine Vielzahl von Abteilungen und angeschlossenen Verlagen. Allein zur Edition Intro gehören 22 Kooperationspartner. Hierzu zählt unter anderem der „Nero Musikverlag Gerhard Hämmerling OHG“, den dieser und Peter Meisel 1963 gründen. Ab Ende der 1960er Jahre managt Hämmerling Mireille Mathieu in Deutschland. Zu weiteren Co-Verlagen der Edition Intro zählen der „Young Verlag“ des Produzenten Jack White oder der „Far Musikverlag“ von Frank Farian. 1970 wird zudem eine alte Berliner Druckerei erworben, modernisiert und in neue Produktionsräume verlagert. Die Meisel Druck GmbH arbeitet in der Folge nicht nur für das eigene Haus, sondern übernimmt auch Aufträge von anderen Verlagen.
Das eigene Plattenlabel Hansa Records kann bereits kurz nach seiner Gründung einen ersten außergewöhnlichen Erfolg verzeichnen. Im Mai 1965 wird die Aufnahme „Il Silenzio“ vom Trompeter Nini Rosso auf den Markt gebracht und in Deutschland zwei Millionen Mal verkauft. Zum weiteren Aufschwung trägt wieder die unermüdliche Suche nach Talenten bei. So entdeckt Peter Meisel als Juror bei der Fernsehsendung Talentschuppen des Südwestfunks unter anderem Juliane Werding und Bernd Clüver. Seiner außergewöhnlichen Begabung auf diesem Gebiet verdankt das Unternehmen auch die Zusammenarbeit mit Marianne Rosenberg. Zahlreiche ihrer Lieder stammen vom Textdichter, Komponisten und Produzenten Joachim Heider, mit dem die Edition Intro überaus erfolgreich zusammenarbeitet. Der erste Hit von Rosenberg, „Mr. Paul McCartney“, stammt aus seiner Feder und wird von Thomas Meisel produziert. Bei der Suche nach Talenten ist dieser gleichermaßen erfolgreich und entdeckt unter anderem Mitte der 1970er Jahre Roland Kaiser. Dessen 1980 bei Hansa Records produzierte Single „Santa Maria“ wird über eine Million Mal verkauft. Bereits 1971 nimmt er auf Empfehlung von Dieter Thomas Heck den jungen Musiker Frank Farian unter Vertrag.
Visuelle und akustische Präsenz von Interpreten und Titeln sind Garanten für den Erfolg. Die beiden Hauptmedien der Schlagerindustrie – Hörfunk und Fernsehen – bedienen synergetisch diese Erfordernisse. Gerade dem Hörfunk ist es durch Unterhaltungssendungen und Wunschkonzerte möglich, neue Titel zu „pluggen“. Eine ebenso bedeutende Rolle bei der Vermarktung spielt das Fernsehen. Die von Dieter Thomas Heck moderierte „ZDF-Hitparade“ schafft und fördert Stars. Regelmäßig ist die Hansa Musik Produktion, teilweise gleichzeitig mit vier Schlagern, in der Sendung vertreten.
Die künstlerische Ausrichtung der Gebrüder Meisel ist nicht auf Schlager begrenzt. So beteiligt man sich an den progressiven Labels Ohr und Pilz und produziert unter anderem vier Alben der Krautrock-Band Amon Düül. Grundsätzlich bieten Peter und Thomas Meisel Künstlern abseits des Mainstreams eine Plattform mit dem 1973 gegründeten Label „der andere song“. Vor allem Liedermacher und Comedy-Interpreten wie Frank Zander, Gunter Gabriel, die Gebrüder Blattschuss oder Klaus Lage und Hugo Egon Balder zählen zu den Künstlern und Geschäftspartnern. „Kreuzberger Nächte“ der Gebrüder Blattschuss oder „Ja, wenn wir alle Englein wären“ von Frank Zander erlangen den Status von Goldenen Schallplatten.
Produktive Kontakte in die DDR ergeben sich nicht zuletzt dank dem Unternehmenssitz in Berlin. Die bestehende Kooperation mit Klaus Eidam wird ausgebaut. Musiker des DDR-Rundfunks spielen über Jahre „Komponistenporträts“ für Meisel ein. 1989 produziert Monopol Records das Album „Solche wie du“ der Gruppe Karussell, das auch den Erfolgstitel „Als ich fortging“ enthält.
Die Arbeit des Unternehmens ist von Beginn an international ausgerichtet. Irmtraut „Trudy“ Meisel, die Frau von Peter Meisel, betreut seit 1961 den weltweiten Ein- und Verkauf von Urheberrechten sowie die internationalen Belange von Produzenten wie Giorgio Moroder. Als erster großer Erfolg gelingt es ihr, die Deutschland-Rechte für „Il Silenzio“ zu erlangen. Im Ausland vermarktet sie gewinnbringend eine Reihe von Künstlern. So schließt Hansa International in London einen Vertrag mit Amii Stewart, deren erste Single „Knock on Wood“ 1979 eine Nummer-1-Platzierung in den USA erreicht und mit Platin für eine Million verkaufter Einheiten ausgezeichnet wird.
Auf dem deutschen Markt muss der Schlager als kommerzielles Produkt zunehmend mit anderen Musikrichtungen wie Beat, Rock und Pop um die Hörergunst konkurrieren. Die Meisel Firmengruppe trägt dem Rechnung. Mit dem Euro Disco beginnt Mitte der 1970er Jahre die Zusammenarbeit mit Frank Farian und Boney M. Nicht zuletzt der finanziellen Anschubfinanzierung durch Thomas Meisel ist es zu verdanken, dass Farian als Produzent von Boney M. zu Weltruhm gelangt. Im Frühjahr 1978 kommt mit „Rivers of Babylon“ der größte Erfolg der Formation auf den Markt. Von der Single werden innerhalb von vier Wochen allein in Deutschland über eine Million Exemplare verkauft. Die Studioalben von Boney M. entstehen bei Hansa Records, alle Titel werden von Meisel verlegt. Die erfolgreiche Kooperation mit Frank Farian wiederholt sich mit Milli Vanilli Ende der 1980er Jahre. Die Rechte an allen Produktionen von Frank Farian liegen beim gemeinsam mit Meisel gegründeten „Far Musikverlag“.
Mit der deutschen Band „The Teens“ nimmt Hansa Musik Produktion 1978 eine englischsprachige Pop-Rock Gruppe unter Vertrag. Dabei handelt sich um die erste gecastete Schülerband in Deutschland. Dank einem Auftritt in Wim Thoelkes Sendung „Der Große Preis“ wird die Gruppe bundesweit bekannt. Als erste deutsche Band erhalten The Teens 1979 den Bravo Otto in Gold. Zu den Autoren der Gruppe gehört auch Dieter Bohlen, dessen beeindruckende Karriere als Produzent für Hansa Musik Produktion beginnt. Im Herbst 1984 entsteht im Hansa Studio die Aufnahme seines Titels „You‘re My Heart, You’re My Soul“. Die Debüt-Single wird national wie international der erste Hit von Modern Talking. Die folgenden Alben entstehen im Hansa-Tonstudio, allein in den 1980er Jahren werden ca. 80 Millionen Tonträger verkauft.
Anfang der 1980er Jahre beschließen Peter und Trudy Meisel, sich aus dem Musikgeschäft zurückzuziehen und verlegen ihren Wohnsitz 1984 in die USA.
Die Hansa Musik Produktion GmbH mit den Hansa Records wird an das Bertelsmann Unternehmen verkauft. Das Verlagswesen, die Druckerei und die Hansa Tonstudios bleiben im Familienbesitz und werden von Thomas Meisel fortgeführt.
Sven Meisel: Die dritte Generation
(1991-2016)
Sven Meisel, geborener Renker, übernimmt in dritter Generation 1998 als Geschäftsführer die Verantwortung für die Verlage der Meisel Unternehmensgruppe. Seine erste berufliche Begegnung mit Meisel erlebt Sven Renker, geboren am 10. Oktober 1966, bereits bei einem Aushilfsjob in den Osterferien 1982. Es folgt ab 1988 die Ausbildung als Industriekaufmann beim Meisel-Verlag, bevor er 1991 als Assistent der Geschäftsführung angestellt wird. Nach der Eheschließung seiner Mutter Doris Renker mit Thomas Meisel adoptiert dieser ihn Ende der 1990er Jahre. Seit 2014 fungiert Sven Meisel als alleiniger Geschäftsführer der Meisel Musikverlage, des hauseigenen Labels Monopol und der Hansa Studios.
Thomas Meisel baut das mit dem Ausscheiden seines Bruders Peter Mitte der 1980er Jahre neu strukturierte Familienunternehmen weiter aus. So erwirbt er 1992 den Verlag „Radio Music International“ von Radio Luxemburg. Der Katalog umfasst die Rechte an ungefähr 1000 teils sehr bekannten Titeln, darunter „Looking for Freedom“. Das Label Monopol Records verantwortet unter anderem Alben von Max Raabe und dem Palast Orchester, der Band Karussell sowie Frank Schöbel. Im Oktober 1994 findet die Restaurierung und Renovierung des Meistersaals in der Köthener Straße 38 ihren Abschluss. Thomas und Doris Meisel eröffnen dem Berliner Kulturleben damit neue Möglichkeiten, die bis heute in vielfältiger Weise genutzt werden.
Zusammen mit Sven Meisel erfolgt im Unternehmen auch in anderen Funktionen ein Generationenwechsel. So übernimmt ab 2001 Frank Lücke die Finanzabteilung, nachdem sein Vorgänger Wilfried Hopica fast drei Jahrzehnte als Finanzdirektor tätig war. Die dritte Generation steht vor der großen Herausforderung, das Lebenswerk der Vorgänger zu bewahren. Dies in einer Zeit, in der sich der vorherrschende Musikgeschmack wandelt, die Konkurrenz der großen Labels immer mehr zunimmt und neue technologische Entwicklungen zu meistern sind. Sven Meisel stellt sich dem mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in ruhiger, freundlicher und kompetenter Art und Weise. Die Firma ist Familie.
Aus „dem Schlager“ entstehen entsprechend dem musikalischen Zeitgeist zunehmend Formate für einzelne Hörergruppen. Bereits 1999 beschreitet Sven Meisel mit dem deutschen Mystic-Pop-Projekt Lesiëm neue Wege. Die Musik führt unterschiedliche Elemente von Rock, Pop, elektronischer Musik, New Age und Ambient zusammen und verbindet sie mit Chormusik und gregorianischem Gesang. Die Produktion erfolgt in den Hansa Studios, Master- und Verlagsrechte liegen bei Meisel. Das Debütalbum „Mystic, Spirit, Voices“ von 2000 erreicht Platz 7 der U.S. Billboard Charts. Die Gründung von neuen Editionen ermöglicht es, gezielt auf den Bedarf unterschiedlicher Gruppen einzugehen. So konzentriert sich die 2012 vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Produzenten Oliver deVille auf das Partyschlager-Genre. Die Kooperation mit Media29Records ist fokussiert auf Latin und Dance Musik und umfasst etwa die Gruppe Pachanga.
Sven Meisel baut in besonderem Maß den Masterbereich aus. Dies erfolgt ergänzend zum bewährten Label Monopol Records durch die Gründung neuer Labels wie Bigfoot Records, Juhu Records und mfe – Musik für Erwachsene. So wertet er auf mfe zusammen mit Thomas Müller und Marcus Zander den Backkatalog der Band Rosenstolz aus und führt ihn zu Charterfolgen. Hinzu kommt als neuer Service die Administration von Labels wie Passion Factory oder NFP neue film produktion. Die Erweiterung der Verlags- um eine Labelpartnerschaft mit NFP ermöglicht den Zugang zu Soundtracks von Filmen wie „Sein letztes Rennen“ mit Dieter Hallervorden. Es werden die Masterrechte ganz unterschiedlicher Künstlerinnen und Künstler erworben und deren Titel physisch und digital veröffentlicht. Unter ihnen die Band Rosenstolz, Silent Circle, The Twins, Arabesque sowie Matthias Reim. Dessen „Verdammt, ich lieb‘ Dich“ entwickelt sich zu einem der meistverkauften deutschen Schlager seit 1975. Für den Vertrieb der Monopol-Tonträger kooperiert man mit DA Music.
Der Verlagsbereich wird ebenfalls ausgebaut und bestehende Kontakte intensiviert. So etwa zu George Glueck, der zunächst seit 1975 für den Meisel-Verlag national und international tätig ist. Ab 1993 gründet Glueck unabhängig eigene Musikfirmen. Zu den Künstlerinnen und Künstlern, die bei ihm unter Vertrag stehen, gehören unter anderem Trio, Sarah Connor, Ich & Ich sowie Texas Lightning. Meisel ist mit der Verwaltung der Verlage betraut.
Die technischen Fortschritte der digitalen Welt eröffnen neue Anwendungsmöglichkeiten vom Boom bei den Klingeltönen bis zum Wechsel von der CD zum Streaming. Für Sven Meisel entstehen damit nicht nur neue Geschäftsfelder, sondern auch bisher unbekannte Herausforderungen. Wie sind Lizenzen für Klingeltöne von Mobiltelefonen zu berechnen? Welche Preiskategorien und Margen gelten für den Downloadbereich, wer erhält welche Tantiemen? Grundsätzlich gibt es ständig neue Entwicklungen und Formate im digitalen Bereich, die es rechtlich zu erfassen und betriebswirtschaftlich in den Griff zu bekommen gilt. Dies erfordert es, Vertriebswege anzupassen und mit neuen Partnern zu kooperieren. Bereits 1998 schließt Meisel einen Vertrag mit Arvato (Telekom) und macht das gesamte Musikprogramm als „Music on demand“ im Internet abrufbar. Alle digitalen Rechte werden seit der Gründung von Zebralution 2004 über diesen inzwischen weltweit operierenden Digital-Vertrieb für Independent-Labels ausgewertet. Der klassische Notenvertrieb läuft prinzipiell wie seit Jahrzehnten weiter. Allerdings bestellen und erhalten die Kunden ihre Wünsche auch hier zunehmend nicht mehr per Post, sondern zu Hause via Internet.
Der Umbau der Hansa Studios in der Köthener-Straße 38 zum „Musik-Produktions-Haus mit Fremdfirmen“ fördert die unternehmerische Entwicklung in Zeiten sinkender Nachfrage nach Großstudios deutlich. Unterschiedlichste Unternehmen und Produzenten der Musikbranche wie Audioberlin, Mitte Studios, Emil Berliner Studios oder Herbert Grönemeyer ziehen als Mieter ein. Gruppen wie Snow Patrol mit „A Hundred Million Suns“ (2008) oder R.E.M mit „Collapse into Now“ (2010) nutzen die modernen technischen Möglichkeiten.
Sven Meisel ist es leider nicht vergönnt, sein Lebenswerk fortzuführen. Nur zwei Jahre nach seinem Vater Thomas stirbt er am 6. Januar 2016 nach kurzer, schwerer Krankheit. Seine Frau Kirsten Meisel übernimmt die Verantwortung für das Unternehmen.
Kirsten Meisel: Empowerment
(ab 2016)
Kirsten Meisel übernimmt nach dem Tod ihres Ehemannes Sven 2016 die Geschäftsführung der Meisel Musikverlage, des Labels Monopol und der Berliner Hansa Studios. Ohne einschlägige Berufserfahrung gilt es, kurzfristig unterschiedlichste Aufgaben zu meistern. So erfordern die Tagungen der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA) und des Verband Deutscher Musikverleger e. V. (DMV) ausgewiesene Fachkenntnisse. Ein Urteil des Berliner Kammergerichts zur Verlegerbeteiligung vom 14. November 2016 bedeutet eine existentielle Gefährdung für das gesamte Verlagswesen. Es fordert die Verlage auf, hinsichtlich der von ihnen vertretenen Werke die Rechtsbeziehungen zu ihren Urhebern gegenüber der GEMA zu bestätigen. Eine dramatische, in der bisherigen Unternehmensgeschichte der Meisel Musikverlage kaum vergleichbare Situation tritt ein. Kirsten Meisel und ihr Team führen in der Folge Gespräche und Verhandlungen mit vielen ihrer Autor*innen und überwinden dank immensem Einsatz die Bedrohung für das Verlagshaus. Um diese Aufgabe lösen zu können, ist es auch notwendig, die Digitalisierung von Vertragsunterlagen aus fast 100 Jahren Verlagsgeschichte zu organisieren und durchzuführen.
Kirsten Meisel muss sich nicht nur diesen Herausforderungen stellen, sondern grundsätzlich die Leistungsfähigkeit des Unternehmens gewährleisten und mit eigenen, neuen Projekten weiterentwickeln. Im Labelbereich wird bereits 2016 gemeinsam mit der Berliner Deutschrock-Band Haudegen das Album „Altberliner Lieder“ veröffentlicht. Im selben Jahr gründen die Band und Meisel das Label „Blut, Schweiß & Tränen“. 2017 führen die Meisel Musikverlage und der Schedler Musikverlag gemeinsam das erste Songwriter Camp in den Hansa Studios durch. Auf Grund der positiven Ergebnisse der 20 Autor*innen folgen weitere Camps, an denen unterschiedliche Partner, darunter Welt der Wunder TV, beteiligt sind. Neue Editionen mit Autoren wie Tom Marquardt und Kurt Schoger entstehen. Zugleich wird die Zusammenarbeit mit Oliver deVille für den Bereich Party-Schlager oder One Groove für den HipHop ausgebaut. Autor*innen wie Oli Nova können exklusiv unter Vertrag genommen werden.
Im Herbst 2019 initiiert Kirsten Meisel ein neues Kapitel der Verlagsgeschichte. Gespräche mit Marko Wünsch, dem Inhaber des überaus erfolgreichen Schlager-Labels Telamo, führen im Juli 2020 zur Gründung der „Lucile-Meisel Musikverlag GmbH“. Die beiden unabhängigen und unternehmergeführten Musikverlage Meisel und Lucile Musik Verlag bündeln ihre Aktivitäten. Damit entsteht in Berlin das größte Verlagshaus für Schlager in Europa. Zu den Aktivitäten gehören in der Folge regelmäßige Songwriting Sessions, die im In- und Ausland durchgeführt werden. Autor*innen wie Simon Allert, Anja Krabbe, Tanja Lasch werden betreut, der Katalog von Andreas Martin angekauft. Es gelingt wiederholt, Hits im Air-Play zu platzieren und zahlreiche Nr. 1 Alben zu realisieren.
Unabhängig von der Kooperation mit dem Lucile Musik Verlag weitet Kirsten Meisel die unternehmerischen Projekte gerade im kreativen Bereich aus. Zu den verschiedenen Partnern zählen dabei welovemelodies und FLINTA* Songwriting Camps sowie Camps von und mit Partnern wie KEINE FAXEN oder PAPER PUG für Künstler*innen wie Katha Rosa oder Glasperlenspiel. Weiterhin finden nationale wie internationale Writing Sessions für Künstler*innen wie Hyolyn oder Planschemalöör statt. Daneben werden weitere neue Signings mit Autor*innen wie Linda Stark, Fillies, Fidi Steinbeck und Filippo Grasso abgeschlossen.
Die Corona-Krise von 2020 bis 2023 trifft auch die Meisel Unternehmensgruppe. Trotz Lockdown und Schließung der Hansa Studios gilt es, Aufgaben wie die Betreuung der Autor*innen weiter zu gewährleisten. Inzwischen sind die Hansa Studios wieder von namhaften Künstlern und Bands stark gebucht. Coldplay, SDP, Herbert Grönemeyer, Roland Kaiser, Harry Styles, Giant Rooks, AnnenMayKantereit und andere nutzen die ausgezeichnete Aufnahmetechnik. Das alljährliche Meisel Music & Hansa Studios HOFFEST etabliert sich als Treffpunkt der Branche. Mit der Gründung von Meisel Music und dem Kauf von Duo-Phon verfügt man inzwischen über zwei weitere Labels. Die Übernahme von Duo-Phon umfasst auch den umfangreichen Katalog mit historischem Repertoire und Berlin-Bezug. Neue Veröffentlichungen von unterschiedlichen Künstler*innen wie Frank Schöbel, Frank Lars, Frank Lukas, Sarah Zucker, Karussell, Polkaholix, Mitch Keller oder Annemarie Eilfeld sprechen für den Erfolg der intensiven Aktivitäten. Dies dokumentiert auch die Zahl der jährlichen Songwriting Sessions eindrucksvoll, die sich als zeitgemäße Methode etabliert haben, um maßgeschneiderte neue Songs zu generieren.
Unter der Leitung von Kirsten Meisel treiben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Ausbau des Katalogs in seiner musikalischen Breite wie auch die Schärfung des Verlagsprofils voran und leisten innovative PR-Arbeit. Die Hansa Studios decken zielgerichtet den aktuellen Bedarf der Musikproduktion ab. 100 Jahre nach der Gründung durch Will Meisel ist die Meisel Unternehmensgruppe bestens gerüstet, auch weiterhin die Anforderungen der „Industry of Human Happiness“ zu erfüllen.